ch gehe jetzt nach Hause.
Sicher wartet Mami schon mit dem Kakao auf uns. Ich weiß gar
nicht, wie spät es ist, aber bestimmt wartet sie schon. Das Eis
ist ganz schön fest. Nicht der kleinste Riß ist zu sehen. Hier,
wo ich stehe. Da vorne ist ein Loch. Gar nicht mal so groß.
Die Mieze würde wohl 'reinpassen. Wenn sie noch da wäre. Und
ein Kind, ein kleines.
ber ich passe schon auf. Ich
geh da nicht hin. Ich bleibe hier stehen, wo das Eis ganz dick
ist. Bestimmt so dick wie das Märchenbuch, das Mami mir
geschenkt hat, als ich noch ganz klein war. Zwei Jahre. Oder drei.
Damals waren Mami und ich allein. Da war ich so klein, daß ich
in das Loch gepaßt hätte.
Daraus hat sie mir immer vorgelesen, abends, wenn ich ins Bett mußte.
Dann saß Mami an meinem Bett, und die Scheiben in meinem Zimmer
waren zugefroren, denn es war ziemlich kalt. Aber Mami zog sich
die braune Strickjacke an und deckte mich bis obenhin zu. Das war
gemütlich und richtig schön. Nur Mami und ich. Als wenn wir
ganz allein auf der Welt wären.
Am liebsten hatte ich immer das Märchen vom Dornröschen.
Vielleicht erzählt mir Mami ja heute abend das Märchen nochmal.
Das Buch ist noch da, im Regal über meinem Bett. Es ist nicht
mehr so schön wie, als es neu war. Ich hab drin gemalt. Und auch
mal eine Seite rausgerissen. Aber die Geschichte vom Dornröschen
ist noch ganz in Ordnung.
Andi wollte dem Dornröschen mal einen Schnurrbart malen. Da hab
ich ihm eine geklebt.
Mami hat mir schon lange nicht mehr vorgelesen. Sie hat keine
Zeit mehr. Weil sie sich auch um Andi kümmern muß.
Später, sagt sie, später hat sie wieder Zeit für mich. Ich weiß
nicht, wann später ist. Arme Mami, immer soviel zu tun. Na, das
wird ja jetzt besser.
st schon besser geworden,
seit Mieze nicht mehr da ist. Um die mußte sich Mami ja auch
immer kümmern. Eines Tages war sie weg. Abends, sagte Mami, hab
ich sie noch gesehen, morgens war sie dann weg. Zuerst waren wir
alle ein bißchen traurig. War eine schöne Mieze, so mit
rostbraunen Streifen überall. Aber Mami hat uns getröstet und
gesagt, jetzt hat sie mehr Zeit für uns, weil sie sich nicht
mehr um die Mieze kümmern muß. Das fanden wir dann gut.
Also, ich geh dann jetzt mal. Ich muß mir noch genau ausdenken,
was ich Mami sage. Damit sie keinen Schreck kriegt und wieder
nervös wird. Sie ist in letzter Zeit oft nervös. Ich mag das
gar nicht. Andi schon. Der macht Mami extra nervös, glaub ich.
Ein bißchen erschrecken wird sie sich natürlich doch. Schließlich
hat sie sich ja an Andi gewöhnt. Aber bestimmt ist sie auch
froh, daß sie jetzt wieder mehr Zeit für mich hat. Sie hätte
gern mehr Zeit für mich. Das hat sie erst gestern gesagt.
Andi quengelt auch immer so viel. Das geht Mami auf die Nerven.
Das weiß ich, auch wenn sie es nicht sagt. Ich gehe ihr nicht
auf die Nerven. Ich bin ja auch schon groß. Ich bin schon sieben.
Andi ist ja noch nicht mal vier. Mami kennt mich schon viel länger
als Andi. Deshalb wird sie ihn sicher nicht so vermissen, weil
sie sich jetzt wieder mehr um mich kümmern kann. Und wenn doch,
dann werde ich sie trösten und in den Arm nehmen, wie ein
richtiger Mann. Benimm dich wie ein richtiger Mann, hat Mami auch
letztens zu mir gesagt. Jetzt werd ich ihr zeigen, daß ich
wirklich schon groß bin.
Bestimmt ist sie nachher richtig froh, daß wir wieder allein
sind. Dann können wir wieder mal einen ganzen Nachmittag lang
basteln, ohne daß Andi uns dauernd stört. Ich hab noch einen
Bastelbogen für eine Burg in meinem Versteck. Den werd` ich am
besten direkt mitnehmen. Dann sieht sie schon ein, daß es ohne
Andi besser ist. Ich werde Andis Kakao mittrinken, damit sie ihn
nicht umsonst gekocht hat. Und dann werd` ich mich auf ihren Schoß
setzen und sie über das ganze Gesicht küssen. Das hat sie gern.
Und sie wird mich hochwerfen und wieder auffangen und lachen und
sagen: Wie schön, daß du nach Hause gekommen bist.
a, das sagt sie. Ich hab Mami
furchtbar lieb. Sie muß nur soviel arbeiten. Deshalb ist sie
manchmal ein bißchen nervös. Und dann schimpft sie mit mir. Mit
Andi nicht, der ist ja noch so klein. Ich bin schon vernünftig,
sagt Mami. Deshalb kann sie mit mir schimpfen und mit Andi nicht.
Ich versteh` das eigentlich nicht richtig.
Aber jetzt wird sie ja nicht mehr nervös werden. Andi macht ihr
jetzt keine Arbeit mehr, und ich bin ein ruhiges Kind.
Das hat Mami letzte Woche zu ihrer Freundin gesagt. Ein ruhiges
Kind macht Mami nicht nervös.
s ist ganz schön kalt
geworden. Andi sieht auch aus, als ob ihm ganz schön kalt wär`.
Er hat einen Handschuh verloren. Der ist bestimmt untergegangen.
Aber seine Jacke hat er noch an. Die ist ja zugeknöpft. Hab ich
ihm zugeknöpft, als wir gegangen sind. Deshalb kann er die gar
nicht verlieren. Vielleicht hat er sich auch schon daran gewöhnt,
daß es so kalt ist.
Als wir hierher gekommen sind, heute nachmittag, da war das Loch
auch schon im Eis. Das Eis war ganz fest und durchsichtig, und
der ganze Teich war damit vollgefroren, nur dahinten, da war eben
dieses Loch. Vielleicht hat da einer versucht, zu angeln. Dafür
machen die sich dann so Löcher.
Wir sind ein bißchen über das Eis gegangen, aber nur am Rand,
wo nichts passieren kann. Das hab ich Mami versprochen, weil sie
sich immer Sorgen macht, daß was passiert. Ich will nicht, daß
sie sich Sorgen machen muß. Ich hab Andi an die Hand genommen,
weil er noch so klein ist und auf dem glatten Eis sonst hinfällt,
und weil ich`s Mami versprochen hab. Mann, sind wir toll
gerutscht! Eine richtige Schlitterbahn haben wir uns gerutscht.
Da hab ich ihn natürlich losgelassen, sonst hätte ich ja nicht
rutschen können. Und er auch nicht.
Als ich gerade wieder gerutscht bin, ist Andi auf den Teich
rausgegangen. Dahin, wo das Loch ist. Er rutschte aus und
flutschte direkt in das Loch rein. Ich wollte noch rufen, aber er
war schon reingefallen. Hätte gar nicht gedacht, daß es so groß
ist.
Zuerst war ich ganz erschrocken, als Andi nur noch mit dem Kopf
aus dem Wasser guckte und ganz laut schrie. Ich bin ganz
vorsichtig auf ihn zugegangen. Aber dann fiel mir ein, wie nervös
Mami gewesen war, als wir gingen. Wenn Andi klatschnass nach
Hause kommt, wird sie noch nervöser, hab ich gedacht. Und daß
sie mit mir schimpfen wird, weil ich ja schon vernünftig bin und
Andi noch nicht, hab ich gedacht. Und daß Andi sich fürchterlich
erkältet auf dem Nachhauseweg und dann drei Tage lang nur
rumquengelt. Ich bin dann wieder zurückgegangen und hab erst
noch ein paarmal gerutscht. Andi hat mich ganz erstaunt
angeguckt, bevor er untergegangen ist. In das kalte Wasser. Brrr!
Geschrien hat er nicht mehr.
abei hat er wohl einen
Handschuh verloren, denn jetzt hat er nur noch einen an. Die
andere Hand ist ganz blass ohne Handschuh. Dadurch sieht man noch
besser die Blume, die ich ihm mit Filzstift draufgemalt hab.
Sieht ganz gut aus. Leuchtet irgendwie.
Andi ist jetzt nicht mehr in dem Loch drin, wo er reingefallen
ist. Er ist unter dem Eis ein bißchen weitergeschwommen. Auf
mich zu. Vielleicht gefällts ihm ja, im Winter schwimmen zu
gehen. Er ist nur noch ein kleines Stück von mir entfernt. Aber
ich stehe auf dem Eis, und er schwimmt darunter. Sein Gesicht hat
er an das Eis gepreßt wie an die Fensterscheibe in der Küche,
wenn er rausgucken will. Mami schimpft dann, weil die Scheibe
ganz schmierig ist. Dann muß sie sie immer neu saubermachen.
Er sollte sein Gesicht lieber nicht so gegen das Eis pressen. Ich
stelle meinen Fuß drauf, dann geht er sicher etwas mehr unter.
Er schaut mich immer noch ganz erstaunt an, und sein Mund ist
offen. Ob er da nicht Wasser schlucken muß? Na ja, vielleicht
hat er Durst. Und den Kakao kann er ja jetzt nicht mehr trinken.
Er kommt noch näher geschwommen. Seine Mütze treibt weg. Die
Haare schwimmen jetzt wie ein Fächer um seinen Kopf herum. Die
Hand ohne Handschuh ist schon fast unter meinen Füßen.
Vielleicht will er sich an mir festhalten und aus dem Wasser
ziehen. Der dumme Kerl, da ist doch das Eis dazwischen. Nein,
jetzt muß er wohl da unten bleiben.
lso, ich geh dann mal nach
Hause. Damit der Kakao nicht kalt wird. Und Mami überraschen.
Vorher geh ich noch schnell zu meinem Versteck und hole den
Bastelbogen. Und die Mieze. Die werd ich zu Andi in das Loch
stecken. Die ist sowieso schon ganz kalt.
Hoffentlich sagt Mami nicht, ich hätte besser aufpassen müssen.
Ich konnte ja nichts dafür. Ich bin ja nicht auf den Teich
gegangen. Jedenfalls nicht zu weit.
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by Erika Kroell, Stand: 05. August 2011
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