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Das Kind

Kurzgeschichte

von Erika Kroell

I
ch gehe jetzt nach Hause. Sicher wartet Mami schon mit dem Kakao auf uns. Ich weiß gar nicht, wie spät es ist, aber bestimmt wartet sie schon. Das Eis ist ganz schön fest. Nicht der kleinste Riß ist zu sehen. Hier, wo ich stehe. Da vorne ist ein Loch. Gar nicht mal so groß.
Die Mieze würde wohl 'reinpassen. Wenn sie noch da wäre. Und ein Kind, ein kleines.

A
ber ich passe schon auf. Ich geh da nicht hin. Ich bleibe hier stehen, wo das Eis ganz dick ist. Bestimmt so dick wie das Märchenbuch, das Mami mir geschenkt hat, als ich noch ganz klein war. Zwei Jahre. Oder drei.
Damals waren Mami und ich allein. Da war ich so klein, daß ich in das Loch gepaßt hätte.
Daraus hat sie mir immer vorgelesen, abends, wenn ich ins Bett mußte. Dann saß Mami an meinem Bett, und die Scheiben in meinem Zimmer waren zugefroren, denn es war ziemlich kalt. Aber Mami zog sich die braune Strickjacke an und deckte mich bis obenhin zu. Das war gemütlich und richtig schön. Nur Mami und ich. Als wenn wir ganz allein auf der Welt wären.
Am liebsten hatte ich immer das Märchen vom Dornröschen.
Vielleicht erzählt mir Mami ja heute abend das Märchen nochmal. Das Buch ist noch da, im Regal über meinem Bett. Es ist nicht mehr so schön wie, als es neu war. Ich hab drin gemalt. Und auch mal eine Seite rausgerissen. Aber die Geschichte vom Dornröschen ist noch ganz in Ordnung.
Andi wollte dem Dornröschen mal einen Schnurrbart malen. Da hab ich ihm eine geklebt.
Mami hat mir schon lange nicht mehr vorgelesen. Sie hat keine Zeit mehr. Weil sie sich auch um Andi kümmern muß.
Später, sagt sie, später hat sie wieder Zeit für mich. Ich weiß nicht, wann später ist. Arme Mami, immer soviel zu tun. Na, das wird ja jetzt besser.

I
st schon besser geworden, seit Mieze nicht mehr da ist. Um die mußte sich Mami ja auch immer kümmern. Eines Tages war sie weg. Abends, sagte Mami, hab ich sie noch gesehen, morgens war sie dann weg. Zuerst waren wir alle ein bißchen traurig. War eine schöne Mieze, so mit rostbraunen Streifen überall. Aber Mami hat uns getröstet und gesagt, jetzt hat sie mehr Zeit für uns, weil sie sich nicht mehr um die Mieze kümmern muß. Das fanden wir dann gut.
Also, ich geh dann jetzt mal. Ich muß mir noch genau ausdenken, was ich Mami sage. Damit sie keinen Schreck kriegt und wieder nervös wird. Sie ist in letzter Zeit oft nervös. Ich mag das gar nicht. Andi schon. Der macht Mami extra nervös, glaub ich.
Ein bißchen erschrecken wird sie sich natürlich doch. Schließlich hat sie sich ja an Andi gewöhnt. Aber bestimmt ist sie auch froh, daß sie jetzt wieder mehr Zeit für mich hat. Sie hätte gern mehr Zeit für mich. Das hat sie erst gestern gesagt.
Andi quengelt auch immer so viel. Das geht Mami auf die Nerven. Das weiß ich, auch wenn sie es nicht sagt. Ich gehe ihr nicht auf die Nerven. Ich bin ja auch schon groß. Ich bin schon sieben.
Andi ist ja noch nicht mal vier. Mami kennt mich schon viel länger als Andi. Deshalb wird sie ihn sicher nicht so vermissen, weil sie sich jetzt wieder mehr um mich kümmern kann. Und wenn doch, dann werde ich sie trösten und in den Arm nehmen, wie ein richtiger Mann. Benimm dich wie ein richtiger Mann, hat Mami auch letztens zu mir gesagt. Jetzt werd ich ihr zeigen, daß ich wirklich schon groß bin.
Bestimmt ist sie nachher richtig froh, daß wir wieder allein sind. Dann können wir wieder mal einen ganzen Nachmittag lang basteln, ohne daß Andi uns dauernd stört. Ich hab noch einen Bastelbogen für eine Burg in meinem Versteck. Den werd` ich am besten direkt mitnehmen. Dann sieht sie schon ein, daß es ohne Andi besser ist. Ich werde Andis Kakao mittrinken, damit sie ihn nicht umsonst gekocht hat. Und dann werd` ich mich auf ihren Schoß setzen und sie über das ganze Gesicht küssen. Das hat sie gern. Und sie wird mich hochwerfen und wieder auffangen und lachen und sagen: Wie schön, daß du nach Hause gekommen bist.

J
a, das sagt sie. Ich hab Mami furchtbar lieb. Sie muß nur soviel arbeiten. Deshalb ist sie manchmal ein bißchen nervös. Und dann schimpft sie mit mir. Mit Andi nicht, der ist ja noch so klein. Ich bin schon vernünftig, sagt Mami. Deshalb kann sie mit mir schimpfen und mit Andi nicht. Ich versteh` das eigentlich nicht richtig.
Aber jetzt wird sie ja nicht mehr nervös werden. Andi macht ihr jetzt keine Arbeit mehr, und ich bin ein ruhiges Kind.
Das hat Mami letzte Woche zu ihrer Freundin gesagt. Ein ruhiges Kind macht Mami nicht nervös.

E
s ist ganz schön kalt geworden. Andi sieht auch aus, als ob ihm ganz schön kalt wär`. Er hat einen Handschuh verloren. Der ist bestimmt untergegangen. Aber seine Jacke hat er noch an. Die ist ja zugeknöpft. Hab ich ihm zugeknöpft, als wir gegangen sind. Deshalb kann er die gar nicht verlieren. Vielleicht hat er sich auch schon daran gewöhnt, daß es so kalt ist.
Als wir hierher gekommen sind, heute nachmittag, da war das Loch auch schon im Eis. Das Eis war ganz fest und durchsichtig, und der ganze Teich war damit vollgefroren, nur dahinten, da war eben dieses Loch. Vielleicht hat da einer versucht, zu angeln. Dafür machen die sich dann so Löcher.
Wir sind ein bißchen über das Eis gegangen, aber nur am Rand, wo nichts passieren kann. Das hab ich Mami versprochen, weil sie sich immer Sorgen macht, daß was passiert. Ich will nicht, daß sie sich Sorgen machen muß. Ich hab Andi an die Hand genommen, weil er noch so klein ist und auf dem glatten Eis sonst hinfällt, und weil ich`s Mami versprochen hab. Mann, sind wir toll gerutscht! Eine richtige Schlitterbahn haben wir uns gerutscht. Da hab ich ihn natürlich losgelassen, sonst hätte ich ja nicht rutschen können. Und er auch nicht.
Als ich gerade wieder gerutscht bin, ist Andi auf den Teich rausgegangen. Dahin, wo das Loch ist. Er rutschte aus und flutschte direkt in das Loch rein. Ich wollte noch rufen, aber er war schon reingefallen. Hätte gar nicht gedacht, daß es so groß ist.
Zuerst war ich ganz erschrocken, als Andi nur noch mit dem Kopf aus dem Wasser guckte und ganz laut schrie. Ich bin ganz vorsichtig auf ihn zugegangen. Aber dann fiel mir ein, wie nervös Mami gewesen war, als wir gingen. Wenn Andi klatschnass nach Hause kommt, wird sie noch nervöser, hab ich gedacht. Und daß sie mit mir schimpfen wird, weil ich ja schon vernünftig bin und Andi noch nicht, hab ich gedacht. Und daß Andi sich fürchterlich erkältet auf dem Nachhauseweg und dann drei Tage lang nur rumquengelt. Ich bin dann wieder zurückgegangen und hab erst noch ein paarmal gerutscht. Andi hat mich ganz erstaunt angeguckt, bevor er untergegangen ist. In das kalte Wasser. Brrr!

Geschrien hat er nicht mehr.

D
abei hat er wohl einen Handschuh verloren, denn jetzt hat er nur noch einen an. Die andere Hand ist ganz blass ohne Handschuh. Dadurch sieht man noch besser die Blume, die ich ihm mit Filzstift draufgemalt hab. Sieht ganz gut aus. Leuchtet irgendwie.
Andi ist jetzt nicht mehr in dem Loch drin, wo er reingefallen ist. Er ist unter dem Eis ein bißchen weitergeschwommen. Auf mich zu. Vielleicht gefällts ihm ja, im Winter schwimmen zu gehen. Er ist nur noch ein kleines Stück von mir entfernt. Aber ich stehe auf dem Eis, und er schwimmt darunter. Sein Gesicht hat er an das Eis gepreßt wie an die Fensterscheibe in der Küche, wenn er rausgucken will. Mami schimpft dann, weil die Scheibe ganz schmierig ist. Dann muß sie sie immer neu saubermachen.
Er sollte sein Gesicht lieber nicht so gegen das Eis pressen. Ich stelle meinen Fuß drauf, dann geht er sicher etwas mehr unter.
Er schaut mich immer noch ganz erstaunt an, und sein Mund ist offen. Ob er da nicht Wasser schlucken muß? Na ja, vielleicht hat er Durst. Und den Kakao kann er ja jetzt nicht mehr trinken.
Er kommt noch näher geschwommen. Seine Mütze treibt weg. Die Haare schwimmen jetzt wie ein Fächer um seinen Kopf herum. Die Hand ohne Handschuh ist schon fast unter meinen Füßen. Vielleicht will er sich an mir festhalten und aus dem Wasser ziehen. Der dumme Kerl, da ist doch das Eis dazwischen. Nein, jetzt muß er wohl da unten bleiben.

A
lso, ich geh dann mal nach Hause. Damit der Kakao nicht kalt wird. Und Mami überraschen. Vorher geh ich noch schnell zu meinem Versteck und hole den Bastelbogen. Und die Mieze. Die werd ich zu Andi in das Loch stecken. Die ist sowieso schon ganz kalt.
Hoffentlich sagt Mami nicht, ich hätte besser aufpassen müssen. Ich konnte ja nichts dafür. Ich bin ja nicht auf den Teich gegangen. Jedenfalls nicht zu weit.

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Copyright by Erika Kroell, Stand: 05. August 2011