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Leseprobe
Nebelkind

oder: Das Tarot des Todes

Roman
von Erika Kroell
 
ISBN 3-930376-26-1

Wer das Alleinsein liebt, wird niemals einsam sein.
Die wirklich Einsamen aber können Alleinsein kaum ertragen.

S
Sarah hätte später nicht mehr sagen können, wann der Traum zum erstenmal aufgetaucht war. Ihr schien es schließlich, als habe sie ihr ganzes Leben mit diesem Traum gelebt, als sei er Teil aller ihrer Tage und Nächte gewesen.
Tatsächlich träumte sie den Traum zum erstenmal in der Nacht zum 3. April dieses Jahres. Und tatsächlich begleitete er sie nur ein vergleichsweise kurzes Stück ihres Lebens.
Der Nacht, in der sie den Traum zum erstenmal träumte, war ein ganz gewöhnlicher Tag vorausgegangen. Sarah hatte nachmittags gearbeitet, wie meist an Sonntagen, hatte gegessen, getrunken, mit ihrem Kater geschmust, Wäsche gewaschen, ferngesehen, gebadet. Einige Fotos mussten entwickelt werden, und aus bereits entwickelten hatte sie eine Auswahl für eine Reportage getroffen. Sie hatte mit Kollegen über verschiedene Termine gesprochen, die in den nächsten Tagen anstanden und über eine Reportage nachgedacht, die sie für die kommende Samstagsausgabe schreiben wollte.

E
Ein ganz gewöhnlicher Tag.
Sie hatte sich gut gefühlt. Nicht besonders gut, aber ganz gewöhnlich gut.
Kurz vor Mitternacht war sie ins Bett gegangen, hatte noch ein paar Seiten in einem Krimi gelesen, bis ihre Augenlider schwer wurden, gerade noch geschafft, das Licht zu löschen und war in ihrer typischen embryonalen Körperhaltung eingeschlafen.
Der Traum schien unmittelbar danach zu beginnen. Sie öffnete die Augen und sah durch das Dunkel des Zimmers das etwas hellere Viereck des Fenster schimmern. Dahinter lag - nahezu unsichtbar - der Garten. Schemenhaft machte Sarah eine Bewegung in der Finsternis aus, ein leise bewegter Schatten, vielleicht nur ein Windhauch in den Büschen. Sie schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Die Gardine war halb beiseite geschoben. Sarah spähte durch die Scheibe in den dunklen Garten. Die Finsternis war wie eine feste Wand, die kein Blick durchdringen konnte. Die Nacht war mondlos, der Himmel wolkenverhangen.
Sie öffnete das Fenster, und sofort blies ein kalter Wind ins Zimmer und ließ sie frösteln. Auf ihrem Nachttisch erlosch flackernd eine Kerze. Sarah konnte sich nicht erinnern, sie angezündet zu haben.
Sie lehnte sich aus dem Fenster und versuchte angestrengt, der schattenhaften Bewegung zu folgen, die im hinteren Bereich des Gartens ihren Blick anzog. Irgendetwas oder irgendjemand war da. Sarah verspürte keine Angst, lediglich eine emotionslose Erwartung.
Die Bewegung kam näher.

S
Sie richtete sich auf und wartete ohne Ungeduld. Sie wusste, schon bald würde sie sehen, wer sich dort im Dunkeln verbarg. Die Konturen des Schattens wurden deutlicher. Näher und näher schwebte er auf sie zu. Sarah konzentrierte sich auf die Gestalt, die ihr langsam aus der Nacht entgegenwuchs. Sie war klein. Schmal. Langes glattes Haar umrahmte ein kleines, rundes Gesicht. Es war ein Mädchen. Sarah hatte das vage Gefühl, es schon einmal irgendwo gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern.
Sein Körper war mit einem weiten schwarzen Kleid umhüllt, das bis zum Boden reichte. Sarah konnte seine Füße nicht sehen.
Das Schattenkind öffnete den Mund und schien etwas zu sagen, aber Sarah hörte keinen Laut. "Was sagst du?" fragte sie, und ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren fremd und traurig.
Das Mädchen bewegte wieder die Lippen in dem Versuch, sich Sarah mitzuteilen, doch obwohl die Nacht sehr still war, hörte Sarah nichts. Da lächelte das Kind, hob eine Hand und winkte leicht, drehte sich um und schwebte zurück ins Dunkel, scheinbar ohne sich zu bewegen.

S
Sarahs Erwachen war unangenehm schreckhaft. Sie lag nackt auf ihrem Bett; die Decke war zu Boden gerutscht, und sie fror entsetzlich. Sie knipste die Nachttischlampe an und sah auf die Uhr. Kurz vor fünf.
Beide Fensterflügel waren weit geöffnet; die Gardine bewegte sich leicht im frischen Morgenwind, der das Zimmer bereits vollständig ausgekühlt hatte.
Sarah krabbelte schlaftrunken aus dem Bett, schloss das Fenster und schlüpfte rasch wieder unter die Decke. Drei Stunden Schlaf standen ihr noch bevor, von denen sie keine einzige Minute versäumen wollte
.

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Copyright by Erika Kroell, Stand: 05. August 2011